"APA vom 26.04.2010"

Realität oder Wahrheit: "Kreuzers Kinder" in Bregenz uraufgeführt

Theater Kosmos zeigt Stück der Vorarlbergerin Monika Helfer

Bregenz (APA) - Mutter und Vater sind tot, sie wurden erschossen. Das steht fest. Ansonsten lässt
die neueste Produktion des Theater Kosmos in Bregenz, die am Freitagabend unter der Regie von
Hubert Dragaschnig uraufgeführt wurde, allerdings offen, wer im entscheidenden Moment den Finger
am Abzug hatte. Verdächtige gibt es genug und Gründe auch. Aber am Ende scheint es gar nicht
mehr so wichtig zu sein, was im April 1981 wirklich geschah.

Die 1997 mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur ausgezeichnete Autorin Monika
Helfer erzählt in ihrem Stück "Kreuzers Kinder" die tragische Geschichte der Familie Kreuzer. "Wir
waren der letzte Dreck. Man hat sich vor uns gefürchtet", charakterisieren die Kinder die Familie. In
einem heruntergekommenen Haushalt wird der Alltag beherrscht von den sexuellen Ausschweifungen
der Eltern und von Waffen. Helfer zeichnet eindrücklich die Alltäglichkeiten nach, die sich hinter
mancher Fassade verbergen und die doch zuweilen der Öffentlichkeit ihre Fratze zeigen. Auch bei
den Kreuzers kommt es unweigerlich zur Tragödie, es fallen drei Schüsse - die Eltern sind tot.
Fast 30 Jahre später sind die Erinnerungen der Kinder noch immer geprägt von den wechselnden
Liebhabern der "nicht so schönen" Mutter und einem Vater, der als Büchsenmacher zahlreiche Waffen
im Haus hatte und wohl auch in dunkle Geschäfte verwickelt war. Dieser Vater erlaubte seinem
ältesten Sohn Schießübungen auf Tiere und strafte seine jüngste Tochter mit Nichtachtung, weil er
unbegründeterweise fürchtete, sie sei nicht von ihm.

War der Tod der Eltern vielleicht eine Befreiung der Kreuzer Kinder? Auch der verhasste älteste
Sohn starb unter mysteriösen Umständen. Die drei Kinder erinnern sich. Jeder hat etwas gesehen
oder getan, das sich auf den ersten Blick logisch in das Puzzle einfügt. Doch warum versteckt die
älteste Tochter die Waffen? "Man muss nicht die Wahrheit sagen, aber man kann sie sagen", sagt
Emma und lässt unausgesprochen, welchen Weg sie eingeschlagen hat.

Der Zuschauer wird mit immer neuen "Wahrheiten" konfrontiert, immer neue Versionen eines
möglichen Ablaufs überdecken die Realität. Wem soll man noch glauben? Was ist wirklich passiert?
Sonia Diaz spielt das Nesthäkchen Rösle, Isabel Mergl die fürsorgliche und verantwortungsbewusste
Emma und Florian Staffelmayr den leicht schrulligen, konservativen Josef. Das Bühnenbild wird
beherrscht von einem großen Bett, auf dem die blutdurchtränkte Bettwäsche ein Zeuge der Gräueltat
ist. Drei große Blutflecken auf dem gläsernen Halbdach zeigen, dass die Tat für die Kinder immer
präsent ist.

Der Abend endet idyllisch zum Klang von Walzerklängen. Das wirkt nicht versöhnlich. Kreuzers
Kinder wollen das Geschehene ruhen lassen, auch wenn sie daran kaputt gehen oder dies zumindest
voneinander glauben.