| Realität
oder Wahrheit: "Kreuzers Kinder" in Bregenz uraufgeführt
Theater Kosmos zeigt Stück der Vorarlbergerin Monika Helfer
Bregenz (APA) - Mutter und Vater sind tot, sie wurden erschossen. Das
steht fest. Ansonsten lässt
die neueste Produktion des Theater Kosmos in Bregenz, die am Freitagabend
unter der Regie von
Hubert Dragaschnig uraufgeführt wurde, allerdings offen, wer im
entscheidenden Moment den Finger
am Abzug hatte. Verdächtige gibt es genug und Gründe auch.
Aber am Ende scheint es gar nicht
mehr so wichtig zu sein, was im April 1981 wirklich geschah.
Die 1997 mit dem Österreichischen Würdigungspreis für
Literatur ausgezeichnete Autorin Monika
Helfer erzählt in ihrem Stück "Kreuzers Kinder"
die tragische Geschichte der Familie Kreuzer. "Wir
waren der letzte Dreck. Man hat sich vor uns gefürchtet",
charakterisieren die Kinder die Familie. In
einem heruntergekommenen Haushalt wird der Alltag beherrscht von den
sexuellen Ausschweifungen
der Eltern und von Waffen. Helfer zeichnet eindrücklich die Alltäglichkeiten
nach, die sich hinter
mancher Fassade verbergen und die doch zuweilen der Öffentlichkeit
ihre Fratze zeigen. Auch bei
den Kreuzers kommt es unweigerlich zur Tragödie, es fallen drei
Schüsse - die Eltern sind tot.
Fast 30 Jahre später sind die Erinnerungen der Kinder noch immer
geprägt von den wechselnden
Liebhabern der "nicht so schönen" Mutter und einem Vater,
der als Büchsenmacher zahlreiche Waffen
im Haus hatte und wohl auch in dunkle Geschäfte verwickelt war.
Dieser Vater erlaubte seinem
ältesten Sohn Schießübungen auf Tiere und strafte seine
jüngste Tochter mit Nichtachtung, weil er
unbegründeterweise fürchtete, sie sei nicht von ihm.
War der Tod der Eltern vielleicht eine Befreiung der Kreuzer Kinder?
Auch der verhasste älteste
Sohn starb unter mysteriösen Umständen. Die drei Kinder erinnern
sich. Jeder hat etwas gesehen
oder getan, das sich auf den ersten Blick logisch in das Puzzle einfügt.
Doch warum versteckt die
älteste Tochter die Waffen? "Man muss nicht die Wahrheit sagen,
aber man kann sie sagen", sagt
Emma und lässt unausgesprochen, welchen Weg sie eingeschlagen hat.
Der Zuschauer wird mit immer neuen "Wahrheiten" konfrontiert,
immer neue Versionen eines
möglichen Ablaufs überdecken die Realität. Wem soll man
noch glauben? Was ist wirklich passiert?
Sonia Diaz spielt das Nesthäkchen Rösle, Isabel Mergl die
fürsorgliche und verantwortungsbewusste
Emma und Florian Staffelmayr den leicht schrulligen, konservativen Josef.
Das Bühnenbild wird
beherrscht von einem großen Bett, auf dem die blutdurchtränkte
Bettwäsche ein Zeuge der Gräueltat
ist. Drei große Blutflecken auf dem gläsernen Halbdach zeigen,
dass die Tat für die Kinder immer
präsent ist.
Der Abend endet idyllisch zum Klang von Walzerklängen. Das wirkt
nicht versöhnlich. Kreuzers
Kinder wollen das Geschehene ruhen lassen, auch wenn sie daran kaputt
gehen oder dies zumindest
voneinander glauben.
|