"Liechtensteiner Volksblatt vom 09.10.2009"

Das Land ist völlig im Arsch»

BREGENZ - ...wird die junge Entwicklungshelferin Laura vom erfahrenen Keith in Afrika begrüsst. Richard Bean nimmt in seiner bitteren Komödie «Die Gottesbelästigung» über Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe kein Blatt vor den Mund.
Umjubelte Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung war am Donnerstag im Theater Kosmos.

Während auf allen anderen Kontinenten die wirtschaftliche Entwicklung zumindest bis zum Ausbruch der Finanzkrise in den vergangenen Jahrzehnten einen so gut wie ständigen Aufschwung erfahren hat, kommt Afrika traditionell nicht auf die Beine. Ist der europäische Imperialismus immer noch schuld, oder liegt es irgendwie doch an den Afrikanern? Muss noch mehr Entwicklungshilfe her, oder blockiert diese Afrikas Entwicklung?
«Die Gottesbelästigung» von dem britischen Dramatiker Richard Bean, im Original «The God Botherers», hat keine Lösung des afrikanischen Dauerdilemmas parat. Mit viel Sarkasmus wird die Geschichte zweier britischer Entwicklungshelfer und zweier Afrikaner, Einwohner des fiktiven Staates Tambia, erzählt, in der so ziemlich alles schiefläuft, was zwischen Norden und Süden nur schieflaufen kann. Und daran ist nicht nur die Religion schuld. Besonders schlimm: Abgesehen davon, dass Regisseur Stephan Kasimir die Handlung in einen afrikaförmigen, von einem Planschbecken umfluteten Sandkasten verlegt hat, um zu veranschaulichen, dass das doch alles nur «ein Kindergarten» sei, wie Laura schimpft, ist nichts von dem, was in «Die Gottesbelästigung» verhandelt wird, sonderlich übertrieben.
Dieser «Kindergarten» bietet jungen, naiven Europäern Gelegenheit, sich gutmenschlich auszutoben: Erst kommt Laura (Diana Kashlan), um dem frustierten Dauerentwicklungshelfer und anglikanischen Altpunk Keith (Hubert Drashnigg) zur Seite zu stehen; aber Keiths Schwächen («Ich hab keinen Abschluss. Ich kann nur Entwicklungshilfe.») werden immer mehr offenbar. Laura wächst zunächst an ihren Aufgaben, um dann genauso abzustumpfen. Am Schluss fällt Keith infolge Ablebens aus, Laura rückt an seine Stelle, und eine neue blauäugige Europäerin in Pluderhosen ersetzt Laura. So wird sich das Rad ewig weiterdrehen. Auf der Strecke bleiben Ideale, Überzeugungen, Hoffnungen und eben auch Menschen.
Kasimirs Inszenierung wahrt mit bemerkenswerter Sicherheit die Balance zwischen Tragik und Komik. Die Schauspieler haben sich nicht nur typisch britische und typisch «tambianische» Gesten perfekt antrainiert, sie werden auch der beachtlichen Komplexität ihrer Charaktere voll gerecht: Tatjana Velimirov etwa verkörpert hinreissend die fromme, beschnittene und bedauernswerte Muslima und die gerissene Hure zugleich.

Arno Löffler online Bericht Liechtensteiner Volksblatt