Anachronistisch & zeitlos
Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" wird derzeit
vom Theater Kosmos in Bregenz gezeigt. Die Premiere fand am Mittwochabend
statt.
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VON BRIGITTE KOMPATSCHER
Ein Richtertalar und eine KZHäftlingsjacke werden gebügelt,
Wollstrümpfe gestopft, SS-Uniformen gebürstet –
innerhalb von Mauern, die sich als zwischen Anachronismus und Zeitlosigkeit
changierende nationalsozialistische Festung offenbaren, wird die
"Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) beklemmend
zelebriert und vor Augen geführt.
"Keiner von uns kann ausbrechen", sagt Vera (Alexandra
Tichy), eine von drei Geschwistern in Thomas Bernhards "Vor
dem Ruhestand" irgendwann. Und in diesen unheilvollen und inzestuösen
Verstrickungen agieren der ehemalige SS-Offizier und nunmehrige
Gerichtspräsident Rudolf Höller (Günter Baumann),
der sich kurz vor dem Ruhestand befindet, seine Schwester Vera und
seine im Rollstuhl sitzende Schwester Clara (Claudia Martini).
In einer gespenstischen, auf großbürgerlichem Hintergrund
fußenden Atmosphäre legt Thomas Bernhard messerscharf
jene Mechanismen offen, die auch nach 1945 einen fruchtbaren Boden
für nationalsozialistische Ideologien schaffen: Verdrängung,
Antisemitismus, Feindbilder. Und die Regie von Augustin Jagg setzt
primär auf den Bernhardschen Text, was über einige Strecken
im zurückhaltenden Bühnenbild von Reinhard
Taurer auch ein wenig statisch wirkt.
Alexandra Tichy erfüllt ihren über weite Strecken monologisierenden
Part mit großer Brillanz.
Zwichen devoter Unterwürfigkeit und Machtgehabe ist sie ein
stabilisierender Faktor in ihrem und dem Weltbild ihres Bruders,
das in der alljährlichen Feier des Geburtstags von Heinrich
Himmler seinen perversen Höhepunkt findet. Claudia Martini
als Clara, die in Opposition zu den Geschwistern steht und diese
weniger durch Inhalte als durch Schweigen manifestiert, liefert
eine beklemmend-beeindruckende Darstellung. Baumann hingegen zeigt
seinen Gerichtspräsidenten mehr als Mischung aus jämmerlichem
Waschlappen und irrational-gefährlichem Irren denn als personifiziertes
Böses.
"Vor dem Ruhestand" ist die Geschichte dreier Menschen,
die ihr vertanes Leben mittels Vergangenheit – das Fotoalbum
und fixe Rituale erscheinen hier als Lösung – zu retten
versuchen, allerdings geht das Stück weit über die drei
Figuren hinaus. Nicht einmal der Tod scheint die unheilvolle Entwicklung
bremsen zu können – eine beunruhigende Botschaft. Bei
der Premiere gab es viel Applaus für Regie und DarstellerInnen.
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