VON ULRIKE BREIT
Katurian wird verhört, ohne zu wissen warum. Er wird geschlagen,
ohne zu wissen wofür. Er wird vorverurteilt für etwas,
was er nie getan hat. In einem totalitären System fackelt man
eben nicht lange, da wird exekutiert statt diskutiert. Dabei ist
Katurian nur Geschichtenerzähler.
Zugegeben, er erzählt keine schönen Geschichten, sondern
misshandelt Kinder, lässt sie leiden, tötet sie sogar
- auf dem Papier, in seinen Erzählungen. Inspektor Tupolski
und sein Lakai Ariel sind anderer Meinung. Unerstützt wird
ihre Theorie durch zwei Morde. Zwei Morde, die wie nach Anleitung
von Katurians Geschichten geschehen sind.
Um Martin McDonaghs Stück "Der Kissenmann" aufzuführen,
braucht Regisseur Augustin Jagg nur drei Schauspieler. Die Geschichte,
die sie erzählen, ist aber ebenso komplex wie verwoben und
nicht ungern driftet die Handlung zwischen Realität und Fiktion
dahin.
Aggression und Kälte
Hubert Dragaschnigs von Grund auf als Gutmensch angelegter, seit
seiner Kindheit psycho-gefolterter Katurian, dessen Bruder Michal,
behindert, aggressiv, kindlich-naiv und der Michal nicht unähnliche,
weil ebenfalls in der Kindheit missbrauchte aggressive Kinderschützer
Ariel (Günter Baumann in einer Doppelrolle) und der von sich
eingenommene, kühle Ermittler Tupolski (Urs Obrecht), der aber
von allen am grausamsten ist, füllen ihre Rollen gut aus.
Sie schreien sich die Seele aus dem Leib - "Man bringt keine
kleinen beschissenen Kinder um!" -, lassen puren Hass aus ihren
Augen blitzen (Baumann), Verzweiflung (Dragaschnig) oder einfach
nur joviale Kälte (Obrecht).
Doch Jagg lässt sie wie Gefangene agieren, gefangen in ihrer
Vergangenheit, in den Geschichten und im System. Vazul Matusz' schiefe
Bühne, deren Fenster ohnehin nur auf den Gang zeigen, verstärkt
diese Darstellung noch. Die vielen Themen, die behandelt werden
- Verantwortung der Literatur, Vergangenheitsbewältigung, Kindesmisshandlung,
die Frage, ob ein grauenhaftes Leben lebenswert ist, Folter - machen
das Stück zu einem sehr komplexen. Dadurch, dass die Themen
manchmal nur angeschnitten, teilweise nur unterschwellig vorhanden
sind und durch die auf der Bühne erzählten Geschichten
reflektiert werden, entsteht ein homogenes Ganzes. Die zentrale
Frage, wie weit Literatur gehen darf, zu beantworten, wird dem Publikum
überlassen. Viel Applaus und Bravo-Rufe für diese Theater-
Kosmos- Produktion.
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