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Existenzieller Ausnahmezustand

Georg Staudacher hat fürs Theater Kosmos die deutsche Erstaufführung von Paula Meehans "Zelle" inszeniert. Am Donnerstag war Premiere.

VON BRIGITTE KOMPATSCHER

Gnadenlos seziert die Regie das Gefüge, gnadenlos wird dem Publikum eine Modell-Situation vorgeführt, in der die existenzialistischen Erfahrungen Angst und Tod zum nahezu alleinigen Maßstab für das Dasein der Individuen erhoben werden.

Georg Staudachers Inszenierung von Paula Meehans "Zelle" für das Theater Kosmos verzichtet auf eine naturalistische Milieuschilderung einer Gefäingnis-situation. Der Regisseur holt das Stück mit Hilfe des Ausstatters Georg Lindorfer in einen neutralen, zeitlosen Rahmen, der eine allzeitige Gegenwart und Unab-hängigkeit vom Ort betont.

Die vier Frauen sind ausgeliefert, Bestandteil eines Mikrokosmos, der nach eigenen Regeln und Gesetzen funktioniert und ihnen kaum mehr Möglichkeiten gibt, selbst aktiv zu werden. Sie sind eingebunden in ein dichtes Konstrukt aus Gewalt, Unterdrückung und Abhängigkeit. Fluchtversuche enden an den Mauern, die allgegenwärtig sind.

Hierarchische Struktur

Dolores (Jutta Fastian) ist die Chefin dieser abgeschlossenen Welt, Lila (Phillippa Galli) und Martha (Heidelinde Pfaffenbichler) emotional und strukturell von ihr abhängig. Als Alice (Alexandra Tichy) dazukommt, gerät das feste Gefüge gefährlich ins Wanken.

Grausame Gewaltszenen werden unterbrochen durch kurze intime und zärtliche Momente, Sehnsüchte der einzelnen Frauen schimmern durch - ohne Aussicht jemals erfüllt zu werden. Die Grenze zwischen Leben und Tod schwindet. Der Tod ist keine Tragödie mehr, weil das Leben bereits eine solche ist. Das Gefühl der Bedrohung und Spannung wird in "Zelle" die kompletten eineinhalb Stunden aufrecht erhalten, Verschnaufpausen gibt es kaum, dicht und intensiv hetzt der Regisseur die Schauspielerinnen über die Bühne. Letztere wiederum agieren mit extremer Expressivität. Sie füllen die Figuren in ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit auf beunruhigende Art und Weise aus.

Überinszeniert und nicht wirklich notwendig erscheint das Einsetzen von Videos - Ausnahme ist der Monolog von Alice gegen Ende des Stückes , das einigen Szenen einen die Dichte fast brechenden Pop-Charakter verleiht. Zurückgeworfen auf die reine Existenz, leidend, ohne das Leid wirklich zu konkretisieren, kämpfen hier vier Frauen mit verschiedenen Mitteln permanent um ihr Leben. Ein Opfer-Täter-Schema verbietet sich, traditionelle moralische Werte haben keine Gültigkeit mehr - und Erlösung in diesem Sinn gibt es sowieso keine.