Innere und äußere Behinderung
Das Theater KOSMOS in Bregenz hat Christoph Kellers „Ballerina“
uraufgeführt.
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VON PETER E. SCHAUFELBERGER
Vor kurzem erst ist Christoph Kellers autobiographischer Roman
„Der berste Tänzer“ erschienen; nun hat das Theater
KOSMOS auf der Hinterbühne des Bregenzer Festspielhauses auch
sein jüngstes Stück „Ballerina“ uraufgeführt.
Doch während „Der beste Tänzer“ den Autor
selbst meint, ist diese Ballerina eine kaum fassbare Gestalt: Fracine,
eine sommerliche Jugendliebe von Kurt und dem zwei Jahre jüngeren
Karl, zugleich Elena, die im Gespräch zwischen den beiden inzwischen
25 Jahre älter gewordenen Hauptgestalten und ihren Träumen
mehrfach wiederkehrt. Und sie ist es auch, welche die beiden in
der letzten Szene als eine Art Todesengel ins Jenseits geleitet,
nicht Himmel, nicht Hölle, dennoch ein Ort, an dem alle irdische
Schwere von den Menschen abfällt, an dem sie schwerelos werden
wie die Ballerina, die Fracine – längst gestorben –
einst gewesen ist.
Autobiographische Züge trägt freilich auch dieses Stück:
Kurt ist seit einem Unfall von der Hüfte an gelähmt und
auf den Rollstuhl angewiesen, und er ist als Schriftsteller erfolgreich.
Auch Karl hat Karriere gemacht: Er, Karl Ehrenbold-Rumsfelder, ist
der jüngste Botschafter, den die Schweiz in Washington je gehabt
hat, verheiratet mit einer extravaganten Amerikanerin, die mit ihren
Eskapaden ihren Gatten (und sich selbst) zwar zum Mittelpunkt mondäner
Partygesellschaften, in Bern jedoch so suspekt gemacht hat, dass
eine baldige Abberufung gewiss scheint. Parallelen zu realen Personen
und Ereignissen sind auch da offensichtlich, werden aber zum Vorteil
des Stücks nicht weiter detailliert.
Im Zentrum steht vielmehr die Begegnung der beiden Männer im
abgelegenen Chalet des Botschafters, wohin dieser den Schriftsteller
zu einem Wochenendbesuch eingeladen hat. Sie haben sich seit jenem
Sommer mit Fracine vor 25 Jahren nicht mehr gesehen. Karl hat nichts
gewusst von Kurts Behinderung, diesem wiederum war die prekäre
berufliche und private Situation des Diplomaten unbekannt. Eine
Ausgangslage, die unausweichlich zur Fiktion führt, verschärft
noch durch die äußeren Umstände: Karl reißt
nach heftigen Telefonaten mit seiner in der Stadt gebliebenen Frau
das Telefonkabel aus der Wand, eine Explosion des Fernsehers verursacht
einen Kurzschluss, der auch die Heizung außer Betrieb setzt,
während draußen ein Schneesturm tobt und die beiden Männer
von der Außenwelt abschneidet.
Kolportagehafte Züge, die zwar kaum je als solche empfunden
werden, sich erst zuspitzen, wie die beiden Männer gegen Ende
des Stücks handgreiflich werden. Realität und Fiktion,
Gegenwart und Vergangenheit gehen in den Dialogen oft unbemerkt
ineinander über, erregte Auseinandersetzungen wechseln mit
skurrilen, manchmal auch witzigen Einfällen und beinahe zärtlich
anrührender, wenn auch betrunken irrealer Nähe. Dazwischen
stehen Passagen unerbitterlicher Selbsterforschung, in deren Verlauf
Karls scheinbare Sicherheit Schicht um Schicht abfällt, dazwischen
aber auch Anklagen, in denen Kurt seine verzweifelte Wut hinausschreit,
sich aufbäumt gegen all die Einschränkungen, die ihm die
Umwelt wegen seiner Behinderung aufzwingt. Hier fließen die
eigenen Erfahrungen des ebenfalls behinderten Autors ein, ungeschönt,
direkt, in einer harten und präzisen Sprache, die unter die
Haut geht.
Augustin Jagg hat die Uraufführung in Bregenz inszeniert, in
einem hohen, das ganze Stück hindurch gleichbleibenden Raum,
einer Art Arena mit erhöhter runder Mittelbühne, die Kurt
im Rollstuhl nur mit Hilfe erreichen kann, während Karl sie
in langen Gängen umkreist. Jagg setzt ganz auf eine intensive,
choreographisch genaue Personenführung, überträgt
die äußeren Gegebenheiten in die Figuren selbst. Und
in Hubert Dragaschnig als Karl und Heinrich Mayr als Kurt haben
sich zwei ideale Interpreten für die beiden Hauptrollen gefunden.
Dragaschnig nervös, gehetzt, in ständiger Bewegung, bald
weltmännisch sicher, bald hilflos, fast verloren, zusehends
mit einer inneren Nichtigkeit konfrontiert, die er nur durch erzwungenes
Auftrumpfen kaschieren kann. Ihm gegenüber Mayr im Rollstuhl,
beengt in seiner Bewegungsfreiheit, auf sich selbst zurückgeworfen,
direkter in seiner Sprache, seinem Sich-Geben, zugleich zurückhaltender
in wachem und zugleich misstrauischem Beobachen. Ergänzt wird
das Ensemle durch Tatjana Velimirov als Fracine, kaum fassbar als
Figur, doch in ihrer Leichtigkeit der Traumgestalt angemessen.
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