"Träume am Joghurt-Regal"
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VON INGRID BERTEL
Die Räucherstäbchen liegen gleich links neben den Menopausen,
der Mörderbedarf im Regal ganz unten. In Ingrid Lausunds "Hysterikon"
ist die Welt ein Supermarkt, der alles bietet und streng überwacht
wird von einem Kassier. Der vom Publikum zu Recht begeistert gefeierte
Hubert Dragaschnig stand gestern bei der österreichischen Erstaufführung
des Stücks als Kassier auf der Bühne des Theater Kosmos
- und besang mit dem Ensemble den Supermarkt ironisch als Tempel
des Lichts.
Wenn Haymon Maria Buttinger durch die Regalwelt schlendert, fällt
ihm eine knallrote Kaffeekanne ins Auge. Die kostet eine halbe Million
Euro, informiert Kassier Hubert Dragaschnig, schließlich handelt
es sich um einen transformierten Ferrari. Und: "Glauben Sie
nicht, dass Sie Ihren Kaffee da irgendwie anders trinken? Bewußter?
Genussvoller?"
"Hier muss man sich an die Gesetze, die der Kapitalismus,
die Marktwirtschaft vorgibt, halten. Und wer das nicht tut oder
sich zu wenig bemüht, hat in dieser Ebene nichts verloren.
Das erzeugt natürlich bei diesen Individuen eine große
hysterische Komponente, nämlich ums Leben zu reden, zu träumen,
zu denken, zu kämpfen", sagt Regisseur Augustin Jagg.
In der vom Kassier wie von einem Gott beherrschten Welt, in der
Glück von der Life-Card abgebucht wird und Tatjana Velimirov
als blondes Sonderangebot in der Gefriertruhe wartet, können
Einkäufer schon ausrasten. Gaby Schelle etwa - als hinreissend
zickige Prada-Tussi im Infight mit Nisma Cherrat, die mit Grandezza
sämtliche Varianten politischer Korrektness der Lächerlichkeit
überführt. Dazu Christian Nisslmüller als verträumter
Armani-Mann und ein unglaublich tänzerischer Kurt Bigger. "Hysterikon"
ist eine perfekt besetzte Mischung aus Show und Conference, berührenden
Monologen, rasanten Szenen und purer Comedy, eine punktgenaue Analyse
der Zurichtung des Subjekts auf die Bedürfnisse des Marktes.
Augustin Jagg hat derart verführerisch inszeniert, dass man
mehr als 19 Euro abliefern würde, um in diesem Supermarkt mit
von der Partie zu sein.
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