"Es geht doch immer weiter"
Erfolgreiche Österreichpremiere:
Chibnalls "Kiss me!" in Bregenz
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VON BRIGITTE GEISELHART
Es geht um Liebe und Tod. Um das Sich finden und Sich verabschieden.
Es geht aber auch um Mut, das eigene Leben zu hinterfragen und die
Chance eines Neuanfangs nicht zu verpassen.
Die Österreich-Premiere der heiter-melancholischen Liebesgeschichte
"Kiss me!" des Theater KOSMOS auf der Hinterbühne
des Bregenzer Festspielhauses war kein leichtverdaulicher Abend,
dafür ein Abend mit Tiefgang, der zum intensiven Nachdenken
anregte. Die Zuschauer im ausverkauften Haus waren begeistert, vor
allem auch von der schauspielerischen Leistung der vier Protagonisten.
Die Handlungsebene ist eher nebensächlich. Dennoch ist es
Autor Chris Chibnall mit seinem Stück, das der Originalversion
"Kiss me like you mean it" im Mai 2001 am Soho Theatre
in London uraufgeführt wurde, gelungen, die vielschichtigen
Beziehungsgeflechte zweier Liebespaare packend auf die Bühne
zu bringen. Alltägliche und dramatische Stimmung wechseln sich
ab. Fast wie im richtigen Leben, sozusagen.
Da ist der junge, unbeholfene Tony (Nikolai Adolph), der am Rande
der lärmenden Party sein Glück bei der hübschen Ruth
(Patricia Weinkopf) versucht, bei der trotz aller Coolness und Arroganz
immer wieder ihre sensible und verletzliche Seite zum Vorschein
kommt. "May be once" verheißt die Aufschrift im
ersten Stock auf der zweigeschossigen Bühne. Edie und Don (Jutta
Schröder und Robert Tillian) haben diese Kennenlernphase längst
hinter sich. Sie blicken auf viele gemeinsame Jahre mit noch mehr
Höhen und Tiefen zurück.
Die Sonne geht auf. Es geht immer weiter. Das ist die eigentliche
Botschaft.
Die Paare treffen sich. Tauschen Erfahrungen und Tips aus: Tony
hat den Krebs besiegt, Don leidet an einem inoperablen Gehirntumor.
Anfang und Ende. Wie ein roter Faden spinnt sich dieses Leitmotiv
durch die lange Partynacht. Gefühle werden frei. Unsicherheit
auf der einen, Lebenserfahrung auf der anderen Seite. Edie und Don
bilanzieren ihr Leben, ohne Bitterkeit aber mit finaler Konsequenz.
Die unausweichliche Frage "Warum ich?" darf nicht gestellt
werden. Sehnsüchte, Träume, Ängste - Jung und Alt
haben vieles gemein.
"Bist du bereit. Nein? Ich auch nicht. Machen wir es trotzdem?
Ja, genau deswegen." Die spritzigen Dialoge vermitteln Betroffenheit,
aber auch knisternde Spannung. "Ich möchte dir beim Schlafen
zuschauen, dir den Rücken schrubben, dir die Schultern massieren,
an deinen Zehen lutschen." Eine erste Nacht und eine letzte.
Zimmerpflanzen finden eine neue Heimat im Gartenbeet. Zwischen den
Älteren ist alles geklärt. Seit Jahrzehnten unausgesprochene
Fragen sind beantwortet. Die Jüngeren haben sich jenseits der
Oberflächlichkeit gefunden. Die Sonne geht auf. Es geht immer
weiter.
Das ist die eigentliche Botschaft.
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