"  S  ü  d  k  u  r  i  e  r      v  o  m      3  0  .  0  9  .  2  0  0  2   "

"Bis zum Schuss gemobbt"

Das Bregenzer Theater Kosmos zeigt "Die Direktoren" von Daniel Besse

VON ALICE NATTER

Pommard oder Pomerol - das ist hier die Frage.
Welcher ist der bessere Wein zum Spargel? Präsident Montparnasse tariert beim Dinner im Spiegelkabinett die Tauglichkeit seiner Mitarbeiter aus, prüft sie für die Rituale der Macht. Kümmert sich um die wichtigen Dinge im Leben. Wichtig, das sind Golf, der Spargel-Begleiter und ein Poussin-Gemälde im Louvre, Abteilung für allegorische Malerei des 17. Jahrhunderts: Die Zeit rettet die Wahrheit vor dem Neid und der Zwietracht. Außerhalb des Bilderrahmens aber, in der Welt der Machenschaften und Geschäfte, wird dieser Satz von Anfang an widerlegt. Es wird gekämpft, gelogen, gemobbt, intrigiert in Daniel Besses Stück "Die Direktoren".

In der deutschsprachigen Theaterwelt ist das Business-Drama des Franzosen durch die jüngste Bochumer Aufführung bekannt geworden, in der Harald Schmidt den Montparnasse geben durfte.

Die österreichische Uraufführung zeigt jetzt das Bregenzer Theater Kosmos.

In der Führungsetage des Rüstungskonzerns Delta Espace wird mit allen Mitteln versucht, einen milliardenschweren Auftrag zu sichern. Die Direktoren setzen ihre Karriere aufs Spiel: Der schmierige Chatelet, der prahlt und protzt und Sekretärinnen-Höschen sammelt, die kühle Blonde Grenelle, die nur an die nächste Stufe der Leiter denkt, und der unauffällige, neugierige Denfert. Allesamt bestrebt, sich beste Ausgangspositionen im Intrigenspiel zu verschaffen. Nur der fleißige Odeon kümmert sich allein um Zahlen und Koeffizienten und bekommt dabei nicht mit, wie ihn die Kollegen ins Messer laufen lassen.

Die Bochumer inszenierten die "Direktoren" als Event, nicht nur wegen Harald Schmidt: Gespielt wurde in den Räumen der Sparkasse. Das Theater Kosmos zeigt uns die Welt der Konzerne als Kubus. Vanessa Achilles genialer Bühnenbau ist ein einziger riesiger, leicht gekippter Holzrahmen in Quaderform, auf dessen Spielfläche Treppen und Rampen führen für die Aufstiege und Abstiege auf der Karriereleiter. Und mitten im Kubus noch ein Kubus, der seine Quaderwände wie Flügeltüren öffnen kann. In ihm sitzen Präsident Montparnasse und Delta-Chef Bercy bei Pommard. Oder bei Pomerol.
Die Zeit entreißt die Wahrheit dem Neid und der Zwietracht. Von wegen. Odeon, der einzige Direktor, dessen ganze Energie der Arbeit für den Konzern gilt, wird zu Tode gemobbt. Psychisch am Ende und körperlich ein zitterndes Wrack, erschießt er sich im Büro. Die anderen Direktoren bleiben in Bewegung, rennen weiter die Treppen hinauf und hinunter, die Flure auf und ab. Nur nichts verpassen, nur weitermachen, nur mitspielen.

"Die Direktoren", das ist überzeugendes zeitgenössisches Erzähl-Theater, durchaus mit Moral, auch wenn die im Stück längst verloren gegangen ist. In Bregenz sind "Die Direktoren" von Hubert Dragaschnig zügig und stringent inszeniert, von einem durch und durch gut besetzten Ensemble erstklassig gespielt.

Als größter Zyniker erweist sich am Ende übrigens der Präsident, der sich so kunstbeflissen und sophistisch gibt.

Pommard oder Pomerol ist dann nicht mehr die Frage.