VON ALICE NATTER
Was wäre wenn? Was wäre, wenn nicht ...? Gefährliche
Fragen, wenn sich die Geschichtsforschung ihrer bedient. Aber eine höchst
reizvolle, wenn sie der Wiener Autor und Stückeschreiber Erwin Riess
stellt. Was wäre, wenn Gustav Krupp von Bohlen und Halbach nicht
1950 gestorben wäre? Wenn er, im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess
angeklagt, einfach weitergelebt hätte? Wenn er nicht wegen fortgeschrittener
Demenz für verhandlungsunfähig erklärt worden wäre
damals? Was wäre dann ..?
Erwin Riess hat für das Bregenzer Theater "Kosmos" ein
Stück über das "Dann" geschrieben: "Krupp oder
Das ewige Leben", am Donnerstag im Bregenzer Festspielhaus uraufgeführt.
Eine historische Farce, eine schwarze, bitterernste Komödie, ein
unheimlich packendes Stück Theater.
Wie aufgebahrt liegt er, Gustav Krupp, Repräsentant der Deutschen
Schwer- und Rüstungsindustrie, in seinem Bett, dem Hitler in Öl
zu Füßen. Die Todeskerzen brennen schon, die Tochter bringt
die Urinflasche. Eine alliierte Militärkommission hat sich angekündigt,
der greise Schwerindustrielle soll auf seine Verhandlungsfähigkeit
untersucht werden. Verschwörung gegen den Weltfrieden, Planung und
Durchführung eines Angriffskrieges, Verstoß gegen das Kriegsrecht,
Verbrechen gegen die Menschlichkeit - so lauten die Anklagepunkte. Aber
Gustav Krupp röchelt noch, krächzt und grinst. "Ich begrüße
den Prozess", sagt er zur Tochter, die ihm das Haar zerzaust. "Ich
habe dem Krieg alles gegen. Die Alliierten gehören auf die Anklagebank."
Ein junger Brite, ein Amerikaner, eine Französin, ein Russe kommen
also ins Schlafgemach des Greises zur Untersuchung. "Im Interesse
der Kriegswirtschaft genehmigt, Heil Hitler", schreibt Krupp auf
den Bestätigungsschein. "Mein Herz, es schlägt im Takt
eines Walzwerks. Eines deutschen Walzwerks", sagt der Alte bestimmt
und bekommt den nächsten Tränenkrampf. "Ein Ruhepuls von
sechs", bescheinigt die Französin. "Ein einziger Spasmus",
sagt der amerikanische Neurologe. "Geistig auf der Höhe der
Zeit", urteilt der Russe.
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50 Jahre später hängt das Hitler-Bild schief, ein Computer
steht auf dem Schreibtisch, Krupps Tochter Irmintraud ist ergraut und
Knecht Deutinger flucht immer noch über die Juden. Und Irmintraud
lädt die vier Ärzte der alliierten Kommission noch einmal auf
das Schloss ... Was jetzt passiert ist der Fantasie des Erwin Riess entsprungen,
ist ein genialer Kniff, eine unglaubliche Szene. Was die nächsten
70, 80 Theaterminuten folgt, ist spannend, ist komisch, überwältigend.
Gustav Krupp von Bohlen, 125-jähriger Jungspund, tänzelt im
Joggingdress zur Tür herein. "Am heutigen Tag wird mein Werk
vollbracht", säuselt er der verhärmten Tochter zu und stößt
sie kalt auf den Boden. "Du alterst zu schnell." Krupp hat die
vier Ärzte geladen, um ihnen den Prozess zu machen. In der Ehrenuniform
der Wehrmacht tritt der ehemalige Wehrwirtschaftsführer des deutschen
Reiches den ehemaligen Feinden entgegen, Knecht Deutinger muss den Pflichtverteidiger
geben. "Wer überlebt, bestimmt was wahr ist", schreit Krupp.
Rainer Frieb spielt den Ankläger, der jetzt anklagt, den unverbesserlichen
Schwerindustriellen, Kriegsverbrecher. Und er spielt fantastisch. Brüllt,
zetert, ist charmant, brutal, kalt, berechnend, verstört, durcheinander,
gnadenlos, deprimiert, am Boden, himmelhochjauchzend. All das. Mit den
vier alten Ärzten liefert er sich eine finale Schlacht. Der Russe
ist es, der ihm schließlich durch seine Diagnose die (Über-)Lebenskraft
raubt: "hoffnungslose geistige Verfassung". - Unglaubliches
Theater!
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