VON ALICE NATTER
Es weihnachtet überhaupt nicht sehr in diesem Stück. Der Christbaum
auf dem Tisch ist ein Kümmerling, in der Ecke steht ein Sarg und
der gierig gesoffene Whiskey wärmt auch nicht recht. 24. Dezember
in einem Büro irgendwo in Dublin. Und Leichenbestatter John Plunkett
kämpft mit einer heftigen Weihnachtsdepression. Sein ganzes verpfuschtes
Leben versucht er an diesem tristen Heiligabend in Whiskey und bitterer
Selbsterkenntnis zu ertränken.
Nein, es weihnachtet nicht sehr in diesem "Dublin Carol", dem
neuesten Stück des jungen Iren Conor McPherson. Und das Theater KOSMOS
tut auf der Hinterbühne des Festspielhauses alles, damit die Weihnachtsmisere
auch richtig öd, quälend, grau wird. John Plunkett, der alte
Leichenbestatter, pfeift, keucht, rasselt wie ein Teekessel. Gerade eben
hat er mit dem jungen Assistenten Mark einen Menschen unter die Erde gebracht,
jetzt sitzen sie im schäbigen Büro. Und John Plunkett erzählt
- begleitet von Whiskey aus der Tasse - von seinem
unspektakulär gescheiterten Leben.
|
Die Familie - Frau, Tochter, Sohn - irgendwann im Suff verlassen, im Bett
der Geliebten hängen geblieben, sich nie um nichts gekümmert.
Irgendwann gabelte ihn der Bestatter im Pub auf, bot ihm Bett und Job.
Klugscheißer, Versager, Dummkopf, Supertrottel, schimpft sich der
alte Mann - und hat Angst, dass man ihm bei der eigenen Beerdigung zu
viel letzte Ehre erweist. "Wenn man sich den Respekt zu Lebzeiten
nicht verdient hat, dann braucht man darauf auch nicht zu warten, nur
weil man gestorben ist."
Einsamkeit, Lebensuntüchtigkeit, Sehnsucht nach Liebe und der verzweifelte
Kampf um einen Rest von Würde - "Dublin Carol", dieses
so durch und durch irische Weihnachtsmärchen, spielt das alles in
aller Genauigkeit, Zähigkeit aus. 24. Dezember in einem Leichenbestatter-Büro
irgendwo in Dublin. Und die Tochter, die John Plunkett seit zehn Jahren
nicht gesehen hat, sitzt steif und bieder vor dem mickrigen Weihnachtsbaum.
Die Mutter liege im Krankenhaus, Krebs hat sie, den Vater wolle sie noch
einmal sehen.
|
Da hilft auch kein Whiskey mehr, keine Härte sich selbst und anderen
gegenüber - John Plunkett wankt, leidet, verzweifelt an der Liebe,
die die verlassene Tochter trotz allem übrig hat. "Ich würde
dich sehen wollen." - "Warum?" - "Weil ich dich liebe."
- Tu mir das nicht an."
Ingold Wildenauer spielt John Plunkett - und er spielt ihn mit einer
unglaublichen Intensität. Er brüllt, keucht, raucht nervös,
rauft sich die Haare, stolpert verzweifelt über die Bühne und
rennt gegen die Wand, voller Gram. So langweilig und trist dieses Weihnachtsmärchen,
so stark und kraftvoll das Spiel Wildenauers. Ein Spiel bis zur Erschöpfung.
Andreas Erstling gibt einen blassen Mark, Anja Dreischmeier, brav mit
Regenmantel und Handtasche, nimmt man die Vaterliebe, Vatersehnsucht nicht
ab. "Ich hab es euch zur Hölle gemacht", schreit der Leichenbestatter.
"Ich war ein schmutziger, dreckiger, schmutziger Mann." Er wollt
noch mal etwas
gut machen, sagt der Gescheiterte mit einem Rest Würde irgendwann
an diesem 24. Dezember. Am Ende erklingt hoffnungsvoll Pachelbel - und
es weihnachtet doch noch ein bisschen.
|