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Versuch eines Abschieds

Blass und besoffen • Das Kosmos-Theater in Bregenz spielt "Ich gehe fort" von Alexej Slapovskij

VON RICHARD FRIEBE

Schluss!" · Ein Russe will gehen, wird gehen. Will nicht zurückbleiben. Wird bleiben, oder zurückkehren, lieben, hassen, sterben. Und es wird egal sein. Ein Russe in irgend einem Nirgendwowsk, mit einer russischen Seele, einer russischen Sehnsucht zwischen Tschechow und Puschkin. Was bleibt ist Wodka.



Das Bregenzer Theater Kosmos bringt mit "Ich gehe fort" von Alexej Slapovski erstmals einen russischen Gegenwartsautor auf die Bühne. Gramow, gespielt vom Deutschen Uwe Achilles, will gehen. Wohin? Fort. Warum? Darum. Alles wird sich ändern, das ist gut, weil alles wie es ist, schlecht ist. Er beginnt seine Abschiedstour durch die Plattenbau-Heimat.



Gramow, mit stolzgeschwellter Brust, das bereits erworbene Zugticket als Trumpf-Triumph-Karte immer bei der Hand, um sie den Freunden (Grymow, Grjomow, Gromow, gespielt von Peach Hottinger, Ulrich Zentner und Bernhard Majcen) und Frauen (Bernice Pahl, Ulrike Tscharre und Gabriele Graf als Irina, Alina und Elina) zu zeigen: "Ich gehe fort".



Natürlich ist von Anfang an klar, dass keiner fort gehen wird. Natürlich sind die Anderen, deren Namen sich so zum Verwechseln ähneln, nur Spiegelhalter. Gramow selbst erscheint so als ein Mann ohne Eigenschaften. Er definiert sich über das, was die anderen von ihm sagen, von ihm halten. Mal so, mal so. Gehen-bleiben, lieben-hassen, machen-lassen. Neutralisation. Die Seele löscht sich in der eigenen Dialektik aus. Alle möglichen Varianten werden im "Lola-rennt"-Stil durchgespielt. Ob Gramow stirbt, sich neu verliebt, zu seiner Frau zurückkehrt. Egal. Slapovski zeichnet die möglichen Paralleluniversen der russischen Seele alle gleich grau, blass, neblig. Klar ist nur der Wodka.

Leider bleibt die Inszenierung von Hubert Dragaschnig meistens ebenso fahl und blass. Die russische Seele bleibt fremd, die Figuren steril. (Gute) Schauspieler, die ihre Rolle perfekt einstudiert haben.

Was geschieht, zwischen und in den Menschen, berührt nicht. Fast alles plakativ. Österreichische Hintergründigkeit, russische Melancholie · nichts von dem. Eine Ausnahme die Szene mit Otto Edelmann als Polizist. Sein Monolog, in dem er eine Kasparow-Schachpartie nachspielt, mit aller Inbrunst das bereits Entschiedene durchkämpft, die fiese Art und Weise wie er Gramow in den Selbstmord treibt, sind der eigentliche Höhepunkt des Zweiakters. Endlich ein Mensch. Ein schlechter, dem man nachts nicht auf der Straße begegnen möchte. Aber ein Mensch. Man möchte ihn umarmen, wenn er nicht so abstoßend wäre.

Auch Bernhard Majcen als korrupter Lokalpolitiker und Peach Hottinger als kleiner Nobody bleiben mit guten Szenen in Erinnerung, während die Frauen, besonders Vera Schweiger als Mutter, durchweg blass und nicht ganz dazugehörig erscheinen.

Das Bühnenbild von Vanessa Achilles mit zwei schiefen Plattenbau-Wänden und einem Plattenbau-Trümmer mit totem Baum ist ein weiterer Höhepunkt. Alles ist so schief, dass man Angst hat, es würde entweder gleich einstürzen, die Figuren, die sich darin bewegen, würden straucheln, die Wodka-Gläser herunterrutschen. Aber alles ist fest. Frauen und Männer bewegen sich in dieser Umgebung mit traumwandlerischer Sicherheit, der Wodka trotzt der Schwerkraft. Alles schief und ruinös, aber fest, statisch. Kein Umfallen. Zu dem Schiefen würde ein bisschen mehr Schräges passen. Zur russischen Seele mehr als nur ein Hauch von Wodka. Zum Altbekannten etwas Neues. Zum Theater etwas Leben. "Schluss!" Die russische Seele unbeseelt, die Zuschauer-Seele unberührt. Das Kosmos-Theater scheitert mit "Ich gehe fort" auf hohem Niveau, oder ist vielleicht auch auf etwas niedrigerem erfolgreich. Was aber auch wieder egal ist.