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Singles & Notgemeinschaften

Zum Saisonauftakt 2000 realisiert das Theater Kosmos mit Jim Cartwrights
Tragikomödie "Zwei" eine weitere österreichische Erstaufführung in Bregenz.

VON MARTIN JUEN

Wie oft und zahlreich sich Menschen in die scheinbare Seligkeit eines immer und überall käuflichen Schlaraffenlandes flüchten, ist ebenso beeindruckend wie die Wirklichkeit, die voll ist von mehr oder weniger großen Pannen, die sich schon mal zu Tragödien auswachsen, weil das Schicksal keinen Pardon kennt - und die Allerwenigsten jene Kunstgriffe

beherrschen, ihm beizukommen. Das Leben ist eine Achterbahn hinter oft glamourösen Fassaden, die so vielfältig sind wie die Individuen, die sie (mit)gestalten. Der englische Dramatiker Jim Cartwright begegnet in seinem Stück "Zwei" dem omnipräsenten Oberflächenkult mit der Schilderung eines Abends in einer Bar, in der das Verhalten der Gäste einen flüchtigen Blick hinter die Mauer der Eitelkeit oder auch des Selbstschutzes preisgibt.

Ängste und der unbeholfene Umgang mit ihnen werden offenbar, die vielfach praktizierte Verdrängung zum Stolperstein in Konfliktsituationen. Cartwrights Charaktere hat der Alltag und seine Unbilden geformt, und der Autor zeichnet ihr Profil mit kräftigen Strichen nach. Etwa jenes eines permanent zankenden Wirtsehepaares, dessen Auftritte den einzigen durchlaufenden Handlungsstrang bilden.


Lose aneinander gereiht

Die Bilder der weiteren Beteiligten werden nur kurz beleuchtet, ihre Auftritte sind lose aneinander gereihte Episoden, quasi flüchtige Blicke durch Astlöcher im Bauzaun der Privatsphäre. Und Cartwright vermittelt dieses Geschehen augenzwinkernd, entblößt die Figuren zuweilen - und damit auch den Betrachter selbst. Denn die/der sitzt im Theater Kosmos mitten drin in der Inszenierung von Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg, ist Gast in der namenlosen Kneipe, in der auch Wirtin (Martha

Günzl) und Wirt (Günter Baumann) "lediglich" Frau und Mann sind. Eine großräumige Gaststube mit poppigem Ambiente (Gestaltung Helmut Kuess), in der skurrile Personen ihren Umgang pflegen: Eine schon betagte Frau (Vera Schweiger), die hier Erholung sucht von den Strapazen daheim mit dem pflegebedürftigen Mann. Der abgebrannte wie flatterhafte Mandy (Reinhard Froboess), der jeder Frau den Hof macht, aber der ihm tatsächlich zugeneigten Manu (Astrid Wittinghofer) nur das Geld aus der Tasche lügt. Ein Witwer (Kurt Bigger), der seinem Schweigen ein abruptes Ende setzt.

Die dominante Frau Renz (Alenka Maly), deren Mann (Martin Sommerlechner) die verklemmte Hilflosigkeit in Person ist. Der "seine" Lilli (Brigitte Jagg) aus krankhafter Eifersucht terrorisierende Robi (Thomas Griess). Die in sich und das Fernsehgerät zurückgezogene Alice (Dorrit Kogler) und deren vor Ironie triefender, ansonsten ebenfalls eher passive Freund Fredy (Robert Kahr). Eine den Single-Frust im Alkohol ertränkende ältere Frau (Heide Capovilla). Und nicht zuletzt ein kleiner Junge, der spät nachts seinen Vater sucht (Aaron Salzmann).


Entsprechender Ton zum Bild

Dieses Potpourri der kleinen Katastrophen wird zusammengehalten von primär improvisierter Livemusik (Robert Bernhard/Sax, Martin Deuring/Bass, Ernst Reiner/Perkussion), die den entsprechenden Ton zum Bild liefert, und eben dem Wirtsehepaar, dessen Geschichte immer konkretere Formen annimmt, ehe das Licht erlischt. Das Stück, das ursprünglich für zwei Personen geschrieben wurde, vermittelt wohl gerade deshalb in recht

knappen Sequenzen die Befindlichkeiten der handelnden Personen, und Dragaschnig/Jagg platzieren die lose aneinander gereihten Szenen in der weitläufigen Lokalität, also auch zwischen dem Publikum. Durch die große Besetzung verliert Cartwrights Tragikomödie doch etwas an Spritzigkeit, ermöglicht dagegen eine differenzierte Darstellung der so unterschiedlichen Charaktere. Die überwiegend überzeugenden Schauspieler scheinen manchmal unterfordert, Mehrfachrollen wären hier vielleicht zielführender gewesen,

ansonsten spielt das Regieteam etwa mit dem Integrieren des Publikums in die Szenerie einen Trumpf aus: Die BesucherInnen sind den Figuren näher als in einer konventionellen Guckkastenbühne. Das Theater Kosmos schuf zum Saisonauftakt eine insgesamt sehenswerte Produktion, die fast täglich bis 19. März auf der Festspielhaus-Hinterbühne gegeben wird (Kartenreservierungen unter Telefon 05574/44034). Eine Notgemeinschaft: alte Frau (Vera Schweiger), Wirt (Günter Baumann).