"  N  E  U  E      v  o  m      0  9  .  1  0  .  1  9  9  9   "

Was für ein Alptraum wir geworden sind

VON BRIGITTE KOMPATSCHER

Der Nahost-Konflikt aus arabischer Sicht wird in der neuen Produktion des Theater KOSMOS, "Die Vergewaltigung" von Sadallah Wannus, geboten. Keine leichte Kost, mit der die ZuschauerInnen am Premierenabend konfrontiert wurden.


Opfer und Täter, oft in einer Person vereint, Menschen, die den Haß auf die anderen schon mit der Muttermilch einsaugen. Sadallah Wannus (1941-1997), des syrische Dramatiker, wagt es ein Theaterstück über den Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern zu veröffentlichen. Eine positiv gezeichnete israelische Figur (Arzt) reichte aus, um das Stück wegen "pro-israelischer Tendenz" in Damaskus zu verbieten. Die Reaktion auf das Werk unterstreichen auf beklemmende Art den Inhalt.

Unvereinbarkeit

Zwei Familien, eine palästinensische und eine israelische, stehen im Mittelpunkt des Stücks, das in Bregenz von Hubert Dragaschnig inszeniert wurde. Deren beider Wirklichkeiten - trotz auffallend vieler Parallelen in der Familienstruktur - befinden sich jeweils am entgegengesetzten Ende. Al Faria (ausdrucksstark in der Darstellung ihres Idealismus Gabriele Graf) wiegt den Sohn ihres Bruders. Die Mutter des Kindes ist geflohen. Die Bühne (Augustin Jagg/Hubert Dragaschnig) ist karg gehalten - Mauern und betonfarbene Schrägen spiegeln Kälte und Unnahbarkeit, Ausdruck der Unvereinbarkeit der Gegensätze.
Al Farias Bruder, Ismail (Robert Stuc), befindet sich in Gefangenschaft des israelischen Sicherheitsdienstes. Dessen Frau Dalal (überzeugend Alexandra Braun) vollzieht im Laufe des Stückes die Wandlung der unpolitischen, dem Engagement ihres Ehemannes nahezu unverständlich gegenüberstehenden Figur, zur überzeugten Aktivistin, deren Tun durch Rache bestimmt wird - nachdem sie von den Israelis grausam geschändet, ihr Mann ermordet wurde. Am anderen Ende steht die israelische Familie Pinchas - Yitzak arbeitet beim Sicherheitsdienst, seine Mutter, überzeugte Zionistin.

Als Yitzak - in seiner Zerrissenheit und Verzweiflung, zwischen Impotenz und Sadismus angesiedelt, von Markus Wechselberger unterschiedlich glaubwürdig verkörpert - mit seiner Arbeit zurechtkommt und zusammenbricht, gerät auch die gesamte Struktur ins Wanken. Seine ahnungslose Frau Rahel wird von seinem Kollegen Gideon (Martin Sommerlechner als grausame und widerliche Figur) vergewaltigt, sie erfährt von den "Feten", bei denen Palästinenserinnen mit lauter Musik im Hintergrund vergewaltigt werden, und deren Männer zum Reden bringen.

Haßspirale

Rahel bricht aus und verläßt Israel. Ihr stereotypes "Was für ein Abschaum wir geworden sind" und "Es ist nicht wieder gut zu machen, was geschehen ist" sind Ausdruck des Unverständnisses gegenüber dem Unfaßbaren. Ihren Sohn überläßt sie ihrer Schwiegermutter --der sich weiterdrehenden Haßspirale.
Haß und Kampf, deren Opfer wie in jedem Krieg, Frauen werden - die Palästinenserin und die Israelin werden vergewaltigt - deren Körper werden zum Werkzeug und Objekt männlicher Gewalt, der sie ausgeliefert sind.
Al Farias Bruder Muhammad - irritierend in dieser Rolle Alexander Bogner, dessen zuweilen überzeichnete Lässigkeit gepaart mit Wiener Akzent nicht so recht ins Bild passen mochte - und Helmut Schüschner als Sicherheitsfienst Chef Meir sind weitere Figuren in dem Stück. Der Arzt Abraham Menachin ist der gemäßigte Israeli - er steht abseits - auch räumlich, er beobachtet. Allerdings wird ihm zu wenig Platz zugestanden, Uli Zentner verleiht der Figur auch zu wenig Kontur und Eigenständigkeit, sodaß die anti-israelische und pro-palästinensische Tendenz beherrschend für das Stück wird.
Auffallend die jeweils einfärbigen Kostüme (Heike Huber), die den Gegensatz zwischen den beiden Familien bildlich und eindrücklich verdeutlichen - fast verstörend gestaltet sich der Einsatz der Musik (Andreas Schreiber) - die "Feten" bei lauter Musik rücken beängstigend ins Bewußtsein.