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"Es ist kein warmer Stern...

VON MARTIN JUEN

... auf dem wir um die Sonne drehn", legte Hansjörg Schertenleib seinem Watte in "Rabenland" in den Mund. Entsprechend warm war einem ums Herz (auf einer eher aufgeheizten Festspielhaus.Hinterbühne) bei der KOSMOS- Premiere.


Die vom in der Schweiz geboren Autor Hansjörg Schertenleib aufgegriffene Thematik ist aktuell wie selten zuvor: Sich am Faschismus aufrichtende Jugendliche ziehen andere mit in den Sog von Aggression und brutaler Gewalt. Und die Reaktion der bürgerlichen Schicht offenbart Ohnmacht und Ratlosigkeit. Ob die Eskalation der Gewalt das Individuum Mensch jemals klüger werden läßt, sollte nicht - und muß dennoch - bezweifelt werden. Belege dafür kann sich jede(r) in seiner unmittelbaren Umgebung besorgen, so er/sie gewillt ist, genau hinzusehen. Gewalt ist ein umfassend kalkuliertes (gesellschafts)politisches Geschäft. Wie viele lassen sich da hineinziehen, ohne die Konsequenzen je für möglich zu halten?
Gewalt ist gewiß kein Problem, das mit "Rabenland" gelöst wird. Hier werden allenfalls mögliche Mechanismen und deren Folgen geschildert. Die niedrigen Instinkte werden von einigen geweckt, von mehreren ausgelebt, von vielen anderen offenbar falsch verstanden - ein ewiges Drehen im Kreis.

Forcieren von Haß

Diesen Spiegel hält uns die neue Theater KOSMOS Produktion vor. Der NS-Verseuchte und Machtbesessene Anführer Block (zum Fürchten: Frank Deesz), die von ihrem Vater geschändete Palme (ausgesprochen einfühlsam: Verena Rendtorff), der Mitläufer und Hampelmann Ferse (Matthias Bega) und der Träumer Watte (bemerkenswert: Christian Lemperle) betreiben das Forcieren von Haß gegen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Oder ihnen auf diesem begegnet.

Während Block und Ferse ihrer Denkapparate vollends beraubt scheinen, regt sich in Palme die Seele der Geschundenen, die dem Glauben an Rache und Heldentum erliegt. Und Watte scheint als "Weichei" unter seinesgleichen mehr den Vögeln als dem "Manifest" Blocks Gehör zu schenken, ehe er ebenfalls von der ihn umgebenden Realität eingeholt wird.
Blocks Zündeleien gipfeln im Brand eines Asylantenheimes. Womit die Gewalt auch eine bürgerliche Familie erreicht: Vater (solide: Urs Obrecht), den Sohn (Christian Nisslmüller), die Tochter (Yvonne Harder) sowie deren Freund (Günter Baumann). Die Tochter wird als Engagierte im Fremdenheim Opfer der faschistoiden Jugendlichen, sitzt nach dem Brand im Rollstuhl. Nachdem die Täter freigesprochen werden, ist für Vater, Sohn und Freund die Zeit reif, Zeichen zu setzen. Die gefangengenommene Palme soll ein Geständnis ablegen.
Schalen brechen auf, andererseits verhärten sich auch wieder Positionen. Der Ausweg aus der Gewalt scheint Gewalt zu sein: "Ich reiß mir selbst den Himmel auf. Gewölk hab ich jetzt lang genug gesehen", schreit Watte. Wenn schon, dann gleich doch alle mit. Diese Glut wird nicht so schnell verglimmen.
In der Regie von Bettina Rehm wirkt das Stück durch die manchmal zu langen Pausen zwischen den Szenen etwas zerrissen, doch der Handlungsstrang bleibt nachvollziehbar. Schlicht und effektiv das Bühnenbild (Birgit Remuss), das durch die Lichtgestaltung (Markus Holdermann) die gespenstischen Szenen untermalt.