Die vom in der Schweiz geboren Autor Hansjörg Schertenleib aufgegriffene
Thematik ist aktuell wie selten zuvor: Sich am Faschismus aufrichtende
Jugendliche ziehen andere mit in den Sog von Aggression und brutaler Gewalt.
Und die Reaktion der bürgerlichen Schicht offenbart Ohnmacht und
Ratlosigkeit. Ob die Eskalation der Gewalt das Individuum Mensch jemals
klüger werden läßt, sollte nicht - und muß dennoch
- bezweifelt werden. Belege dafür kann sich jede(r) in seiner unmittelbaren
Umgebung besorgen, so er/sie gewillt ist, genau hinzusehen. Gewalt ist
ein umfassend kalkuliertes (gesellschafts)politisches Geschäft. Wie
viele lassen sich da hineinziehen, ohne die Konsequenzen je für möglich
zu halten?
Gewalt ist gewiß kein Problem, das mit "Rabenland" gelöst
wird. Hier werden allenfalls mögliche Mechanismen und deren Folgen
geschildert. Die niedrigen Instinkte werden von einigen geweckt, von mehreren
ausgelebt, von vielen anderen offenbar falsch verstanden - ein ewiges
Drehen im Kreis.
Forcieren von Haß
Diesen Spiegel hält uns die neue Theater KOSMOS Produktion vor.
Der NS-Verseuchte und Machtbesessene Anführer Block (zum Fürchten:
Frank Deesz), die von ihrem Vater geschändete Palme (ausgesprochen
einfühlsam: Verena Rendtorff), der Mitläufer und Hampelmann
Ferse (Matthias Bega) und der Träumer Watte (bemerkenswert: Christian
Lemperle) betreiben das Forcieren von Haß gegen alles, was sich
ihnen in den Weg stellt. Oder ihnen auf diesem begegnet.
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Während Block und Ferse ihrer Denkapparate vollends beraubt scheinen,
regt sich in Palme die Seele der Geschundenen, die dem Glauben an Rache
und Heldentum erliegt. Und Watte scheint als "Weichei" unter
seinesgleichen mehr den Vögeln als dem "Manifest" Blocks
Gehör zu schenken, ehe er ebenfalls von der ihn umgebenden Realität
eingeholt wird.
Blocks Zündeleien gipfeln im Brand eines Asylantenheimes. Womit die
Gewalt auch eine bürgerliche Familie erreicht: Vater (solide: Urs
Obrecht), den Sohn (Christian Nisslmüller), die Tochter (Yvonne Harder)
sowie deren Freund (Günter Baumann). Die Tochter wird als Engagierte
im Fremdenheim Opfer der faschistoiden Jugendlichen, sitzt nach dem Brand
im Rollstuhl. Nachdem die Täter freigesprochen werden, ist für
Vater, Sohn und Freund die Zeit reif, Zeichen zu setzen. Die gefangengenommene
Palme soll ein Geständnis ablegen.
Schalen brechen auf, andererseits verhärten sich auch wieder Positionen.
Der Ausweg aus der Gewalt scheint Gewalt zu sein: "Ich reiß
mir selbst den Himmel auf. Gewölk hab ich jetzt lang genug gesehen",
schreit Watte. Wenn schon, dann gleich doch alle mit. Diese Glut wird
nicht so schnell verglimmen.
In der Regie von Bettina Rehm wirkt das Stück durch die manchmal
zu langen Pausen zwischen den Szenen etwas zerrissen, doch der Handlungsstrang
bleibt nachvollziehbar. Schlicht und effektiv das Bühnenbild (Birgit
Remuss), das durch die Lichtgestaltung (Markus Holdermann) die gespenstischen
Szenen untermalt.
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