Man weiß nicht, ob Pakistan und Indien die Atombombe haben: Früher
oder später wird man sie haben: Der Gedanke ist ungeheuerlich: Atomwaffen
in den Händen unberechenbarer "Drittwelt-Potentaten". Vor
acht Jahren hat Friedrich Dürrenmatt diese Befürchtung geäußert,
ein Jahr, bevor der Krieg am Golf begann. Heute, wenige Wochen nach den
Atombombenversuchen der Inder, ist der Alptraum des Schweizer Schriftstellers
Wirklichkeit geworden.
Welche moralischen Maßstäbe müssen Politiker und Unternehmer
anlegen, wenn sie mit solchen Ländern Geschäfte machen? Gibt
es ethische Grenzen? Und wer ist verantwortlich, wenn schließlich
Lastwagen, die in Friedenszeiten geliefert, während eines Krieges
zum Truppentransport eingesetzt werden? Christoph Keller, auch er Schweizer
und Schriftsteller, hat diese Problematik zum Thema seines Theaterstücks
"Der Sitzgott" (1994) gemacht, das jetzt im Theater KOSMOS in
Bregenz unter der Regie von Bettina Rehm (Dramaturgie Hubert Dragaschnig)
uraufgeführt wurde.
Kugler (Volker Spahr) ist stolz. Stolz auf seine Firma, die Stühle
herstellt und damit "ein sechstel der Menschheit" versorgt.
Und doch wirkt dieser Mann, inzwischen 72 Jahre alt, gehetzt, traumatisiert
von einem Vorwurf, der zehn Jahre zurückliegt, ihn seitdem aber nicht
mehr losgelassen hat. Mit den Kugellagern seiner Stühle sollen Raketen
gebaut worden sein.
Volker Spahr spricht direkt ins Publikum, einmal kontert er wütend
die unangenehmen Fragen der Presseleute, ein anderes Mal kokettiert er
mit den Vorzügen seines Sitzmöbels. Abrupt wechselt die Stimmung
des alten Mannes, der die Werbeslogans, mit denen er einst seine Stühle
anpries, noch aus dem Effeff beherrscht. Weltmännisch und mit der
Arroganz eines erfolgreichen Unternehmers preist er sein Managementkonzept
an, um sogleich in eine tiefe Depression zu fallen, wenn er sich seiner
verstorbenen Frau und seiner beiden Töchter, die ihn nie besuchen,
erinnert, oder die Vorwürfe von damals wiederkäut, die ihn zum
Kriegsliferanten stempelten.
|
Wunderbar, wie Spahr um Aufmerksamkeit heischt, genüßlich
seine Philosophie des Sitzens offenbart, in ein irres Gelächter fällt,
um dann herrisch ins Publikum zu brüllen: "Ich bin doch nicht
schuld!"Hoch und abweisend ragen die Wände hinter Kugler auf,
und lassen ihn noch verzweifelter und winziger erscheinen (Ausstattung
Florian Kradolfer). Markus Holdermann (Lichtgestaltung) taucht diese anfangs
in kaltes blaues Licht. Während Kugler voller Leidenschaft seine
Verteidigungsrede hält, wechseln unmerklich die Farben der Wände,
von blau, zu gelb, orange und schließlich in ein tiefes Rot. Davor
stehen ein paar Drehstühle, einer auf einem Podest - kaum mehr. Lebt
Kugler in seiner Genfer Designervilla oder in der Sterilität einer
Anstalt? Francos (Reinhard Froboess), der Butler (oder ist es sein Krankenpfleger?),
schleicht hinter den Wänden hin und her und sein Schatten zeichnet
sich überlebensgroß darauf ab. Nur wenige Male tritt er ein,
um den Alten zu rasieren, ihm seine Kleider zu bringen.
Der rege Monolog hatte nur im Mittelteil Längen. Da wendet man sich
zuweilen desinteressiert ab von den Gedanken des Stuhlmagnaten. Zu sehr
lenken Erinnerungen an sein verpfuschtes Familienleben von der eigentlichen
Problematik ab. Doch dann hebt Volker Spahr zur letzten Verteidigung seines
Lebensraumes an: "Soll ich von jedem Kunden ein Leumundszeugnis verlangen?
Wird vielleicht die Waffenindustrie zur Verantwortung gezogen, wenn ein
Verrückter John Lennon erschießt?" Und schließlich:
"Wir erleben doch was dagegen, Sie, die Ablöser-Generation!",
ruft er ins Publikum.
Der Alte tritt ab, seine Verantwortung schiebt er weit von sich. Ethisch,
moralisch verwerflich? Das sind immer die anderen. Begeisterter Applaus.
|