Besonders die letzte halbe Stunde, in der die Szenen mit der Alkoholikerin
und mit der alten Frau abgesessen werden müssen (wie lange doch 95
Minuten sein können), sind von so überragender Blödheit,
daß man wirklich nicht mehr weiß, ob hier der Autor, der Übersetzer
oder der KOSMOS gewatscht werden soll. Was sollen solche "bedeutungsschwangeren"
Sätze wie "Ich war immer auf der Seite der Tiere und nicht auf
der Seite der Menschen" oder "Bin ich, oder bin ich nicht; oder
bin ich und ich bin ich nicht?" Existenzialismus für Groschenromanleserinnen?
Heidegger für Kretins? Oder eine ironisch gemeinte Andeutung von
altersbedingter Demenz? Oder soll klargemacht werden, das Klagen alter
Weiber aber noch viel schlimmer? Oder stellt sich nur ein männlicher
Feminist selbst das Bein? Unbeantwortete Fragen über Fragen.
Noch unerträglicher die Szene mit der Alkoholikerin: solche Worte
erwartet sich der unbeleckte Gutmensch aus dem Mund einer Trinkerin. Schnaps,
der Stoff, aus dem die großen Tragödien des Lebens geschaffen
sind. unterfüttert mit ein bißchen Weltschmerz, ausgepolstert
mit reichlich Selbstmittleid, gerät der banalste Lebenslauf zum Welttheater
griechischen Ausmaßes. Daß Alkoholiker so denken, das kann
der nette Sozialarbeiter von nebenan seinem Friseur erzählen; dort
kriegt das vielleicht ein von sich überzeugtes Schreibtalent mit,
das gerade ein Monodram für eine etwas reifere Frau schreibt.
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Zwischen Pustekuchen & Lüge
Der auch in diesem Blatt veröffentlichte KOSMOS-Pressetext behauptete,
daß das Thema von "Abwesenheiten" ebenso brisant sei wie
jenes von "Dirty Dishes". Diese Behauptung ist zwischen Pustekuchen
und Lüge anzusiedeln.Jeder Mensch - ob Mann, ob Frau, hat seine Erinnerungen
und stößt dabei auf Verletzungen, Sehnsüchte und Ängste.
Das ist banal und macht - vom Theater her - noch keine Brisanz aus. Da
käme es darauf an, wie mit dem Thema umgegangen wird, und bei Driss
bewegen wir uns zwischen larmoyantem, yuppiskem Gequargel und den Leiden
der jungen Menopause.
Schade um Linde Prelog, die aus diesem Möchterl-Text versucht, mit
allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln so etwas wie Theatralik
herauszuholen. Schade um die hübsche Bühnendekoration von Sabina
Kellner, die sich vielleicht auf der "ART" in Basel, im Kunsthaus
in Bregenz oder in der Dornbirner Messehalle ganz gut machen würde
und ebenso wie Peter Herbert (dessen Musik autonom klingt und Gültigkeit
hat) verdeutlicht, daß es hier bestenfalls mit einem schlechten
Hörspiel und nicht mit einem Theaterstück zu tun haben.
Strafarbeit für das KOSMOS Team: "Drei große Frauen"
von Eduard Albee lesen, das im Herbst 1995 von Peter Schweiger im Stadttheater
St. Gallen meisterhaft inszeniert wurde. So etwas muß Driss wohl
gemeint haben.
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