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Ins Chilli reinrotzen

VON CLAUDIUS BAUMANN

Daß eine "Tür auf, Tür zu"- Komödiantik nicht immer mit der andernorts gepflegten Langeweile zu tun haben muß, beweist die neue Produktion des Theater KOSMOS: "Dirty Dishes" ist eine böse Sozialsatire im Boulevard-Häs.


So unterscheiden sich Nationalliteraturen: Wenn man in den angelsächsischen Raum schaut und die Sprache jüngerer Autoren wie Nick Hornby, Roddy Doyle, Irvine Welsh oder Hanif Kureishi bzw. Verfilmungen von deren Texten betrachtet, dann merkt man sehr schnell den Unterschied zu den gestelzten Hervorbringungen deutschsprachiger Autoren (einige der wenigen Ausnahmen: Jürgen Benvenuti). Auch Nick Whitby gehört zu dieser Riege: In seinem Stück "Dirty Dishes" greift er soziale Themen (Schwerpunkt: massive Kapitalismuskritik und "illegale" Ausländer) auf, ohne aber zu moralisieren oder zu belehren. Auf wessen Seite seine Sympathien liegen, wird schnell klar.

Ein Übersetzungsfehler?

Daß die Pizzeria, in der die Handlung spielt, Dirty Dishes heißen soll, halt ich für einen wie auch immer zustandegekommenen Übersetzungsfehler. Die Bude beschäftigt jedenfalls lauter nicht gemeldete Ausländer, und aus diesem Umstand leitet sich eine gegenseitige Abhängigkeit ab: Ohne Illegale kein (oder zu wenig) Profit, ohne Schweinejob gar kein Geld. Whitby läßt den verkörperten Kapitalismus in einer Doppelrolle auftreten: Kurt ist ein laut herumplärrendes Schwein, Willi ein schleimig herumlavierender Softie. Beide üben in dem Maß auf die Belegschaft Druck aus, wie sie von ihr abhängig sind.

Man kann davon ausgehen, daß die Schilderung der Arbeitssituation in einer Restaurantküche nicht ganz an der Realität vorbeigeht, zumindest was die Derbheit der Sprache und anderer Exzesse angeht (Merke: Nicht in jedes Chilli wird hineingekotzt!). Auch die Interaktionen zwischen den Unterdrückten und Beleidigten dürften hinhauen. Wahre Liebe und schmutzige Zoten, Sehnsucht nach Nähe, die sich hinter sexueller Belästigung verbirgt: das ist durchaus dem Leben abgeschaut. Die Schlußpointe, die nicht verraten sein soll, ist aber eher der Phantasie zuzuordnen.

Auch sehr stille Augenblicke

Dem Theater KOSMOS ist zu danken, daß es das Stück ausfindig gemacht hat. Der zweite Dank gilt Augustin Jagg, dessen rasante Inszenierung auch sehr stille, ergreifende Augenblicke hat und damit den reinen Klamauk exorziert.
Schlicht großartig ist das ganze Darstellerensemble, das für die Produktion zusammengetrommelt wurde, und auch der Rest ist vom Feinsten: das stimmige, in Zusammenklang mit der Lichtregie äußerst clever konzipierte Bühnenbild sowie die souverän groovende, von Paul Winter komponierte und auf CD erhältliche Theatermusik. Nicht nur für Theaterfreunde ein Muß!